«Hier wird jeder Mensch als Individuum anerkannt»

Mit 79 Jahren ist Christiane Badel topfit. Die ehemalige Basketballspielerin der Nationalliga und Sportlehrerin hat sich ihre Vitalität bewahrt. Heute ist sie schlicht gekleidet, in Pastelltönen, ganz im Sinne ihres tiefen Engagements, das nie grosser Worte bedurfte.

Zehn Jahre lang war sie Präsidentin der Stiftung Sentinelles, doch ihr Kampf für die Ärmsten begann schon viel früher. Im April 1987 erzählte ihr die Therapeutin, die sich um ihren Rücken kümmerte, dass eine Organisation Freiwillige suche. So lernte sie den Mann kennen, der für sie zum Vorbild werden sollte: Edmond Kaiser, dessen Leib und Seele ganz den Benachteiligten gewidmet waren. Drei Monate später reiste Christiane nach Senegal, um das Projekt der Blindenführer-Kinder ins Leben zu rufen.

„Ich schätze mich glücklich, dass Edmond mir sein Vertrauen geschenkt hat”, erklärt sie. So konnten rund vierzig Kinder eine Schule besuchen, anstatt ihren sehbehinderten Eltern beim Betteln helfen zu müssen. Der ganzheitliche Einsatz von Sentinelles bietet auch die Möglichkeit, die Eltern zu unterstützen, damit die Familie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. „Die Ergebnisse sind grossartig! Einige Kinder sind Handwerker geworden, andere Lehrer oder sogar Schulleiter.”

Dieser individuelle Ansatz der Betreuung hat Christiane beeindruckt. „Als Sentinelle ist man den betreuten Menschen nahe und gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Weg ohne Hilfe weiterzugehen.“

Ihre ersten humanitären Einsätze machte sie während ihrer Ferien. Schon als Kind träumte sie davon, Krankenschwester zu werden, um in Afrika Hilfe zu leisten. Dieser Traum hat sich gewandelt. Sie hat keine Körper gepflegt, sondern Leben begleitet. Die Genferin erklärt ihre Liebe zu Afrika nicht, sie lebt sie. Vor ihrem Engagement bei Sentinelles unterrichtete sie übrigens zwei Jahre lang in Burundi.

In Genf führt sie ein bescheidenes und ausgeglichenes Leben. Im Alltag wie auch in ihren Vorlieben bevorzugt sie Authentizität und meidet Heuchelei, Falschheit und Unehrlichkeit.

Wenn man sie nach ihrer Persönlichkeit fragt, bleibt sie zurückhaltend: «Es steht mir nicht zu, mich über mich selbst auszudrücken.» Diejenigen, die sie kennen, sprechen von ihrer Gewissenhaftigkeit, ihrem unermüdlichen Engagement und auch ihrer Kompromisslosigkeit.

Während ihres 38-jährigen Engagements hat Christiane Badel die Entwicklung von Sentinelles miterlebt. «Entwicklung, Entwicklung … eher Kontinuität. Die Entwicklung betrifft die Verwaltungsarbeit. Die Arbeit selbst hat sich nicht verändert. So viele Menschen hatten nicht das Glück, über die notwendigen Ressourcen zu verfügen, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

Sie spricht von den Kindern, denen sie begegnet ist, die verletzt, krank oder vergessen waren. „Einige Familien lebten unter einem einfachen Stück Plastik. Jede Geschichte ist prägend.“

Ihr Alltag ist nun weniger von administrativen Aufgaben geprägt. Aber nicht vom Wesentlichen. „Man verlässt Sentinelles nicht, man verlässt eine Stelle, aber nicht den Kern.“ Sie nimmt sich nun Zeit für sich selbst, die sie für Spaziergänge in der Natur nutzt. Im Wald spazieren zu gehen und Tiere zu beobachten, ist ihre Art, neue Energie zu tanken. Sie ist Mitglied einer Ornithologengruppe und zögert nicht, in den Jura zu fahren, um Gämsen zu beobachten.

«Ich bin Edmond und Sentinelles dankbar, dass sie mir all das ermöglicht haben.»

Wir danken ihr dafür, dass sie zum Wiederaufbau so vieler Leben beigetragen hat.

L.M.